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Forschungsprojekte

Dürrenmatt und Polen

Dürrenmatt war zur Zeit des kalten Krieges, insbesondere in den 1950er und 1960er Jahren, ausserordentlich populär in Osteuropa. Voraussetzung für die breitere Rezeption westlichen Theaterschaffens war eine Lockerung im Zeichen des „Tauwetters" nach Stalins Tod, dem XX. Parteitag der KPdSU und dem zweiten Schriftstellerkongress der Sowjetunion von 1954. Die damit verbundene kulturelle Öffnung fiel zusammen mit der Präsenz von Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame, das wie selten ein Stück den Zeitgeist traf und noch heute mehrheitlich als das beste in Dürrenmatts Dramatik aufgefasst wird.

Während es in der Sowjetunion trotz des Tauwetters Mitte der 1950er Jahre noch lange bei einer Abkapselung vom westlichen Theater blieb, fand in Polen sofort eine radikale Öffnung für das westliche Theater statt: Ab der Saison 1956/57 wurde die westliche Gegenwartsdramatik umfassend aufgeführt, allen voran die französische und angloamerikanische Gegenwartsdramatik, wobei sich eine Vorliebe für das groteske und absurde Theater zeigte. Die deutschsprachige westliche Gegenwartsdramatik war praktisch ausschliesslich durch Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch vertreten.

Polen war der Wegbereiter der Dürrenmatt-Rezeption in Osteuropa. Hier setzte die Dürrenmatt-Rezeption bereits einen Monat nach der Uraufführung der tragischen Komödie Der Besuch der alten Dame mit einer Besprechung des Stücks in der Theaterzeitschrift Dialog ein. Im nächsten Jahr folgte eine Übersetzung des Stücks in der gleichen Zeitschrift - übrigens war einer der beiden Übersetzer der heutige deutsche Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki. Eine Aufführung lehnte Dürrenmatt zunächst ab - vermutlich aus der Sorge, dass sein Stück, das bereits in der ersten Besprechung als „Totentanz des Kapitalismus" gewürdigt worden war, der kommunistischen Propaganda dienen würde. Nachdem die Bedenken des Autors ausgeräumt waren und er seine Einwilligung zur Aufführung gab, wurde Der Besuch der alten Dame in der Saison 1957/58 gleich in drei verschiedenen Inszenierungen präsentiert, in Lodz, Krakau und Warschau, wobei vor allem die Inszenierung von Ludwik René im Teatr Dramatyczny als eine, wenn nicht die herausragendste polnische Theateraufführung der Nachkriegszeit gewürdigt wurde, die das Stück in seiner ganzen Vielschichtigkeit und Vieldeutigkeit wiedergab. In der Folge wurde dieses Warschauer Theater zum eigentlichen „Dürrenmatt-Theater" in Polen, 1958 (und 1966) folgte „Romulus der Grosse" (eine Inszenierung, die bis 1962 im Repertoire blieb und die rund 100'000 Zuschauer sahen), 1960 „Ein Engel kommt nach Babylon", 1962 „Frank der Fünfte", 1963 „Die Physiker". Dieses Stück wurde in der Saison 1962/63 in acht verschiedenen Inszenierungen präsentiert, in beinahe 500 Aufführungen sahen es über 180'000 Besucher. Das bedeutete den Höhepunkt der Popularität Dürrenmatts in Polen.

Die Stücke wurden keineswegs, wie Dürrenmatt ursprünglich befürchtet hatte, als antikapitalistische Propagandastücke aufgefasst; ihr Erfolg beruhte gerade darauf, dass das Publikum in Dürrenmatts Komödien seine eigene Welt, seine eigenen Ängste und Konflikte beschrieben sah. Den Kritikern galten sie als moderne Alternative zum gescheiterten sozialistischen Realismus. Auch die weiteren Stücke Dürrenmatts wurden in der Folge meist schon im Jahr der deutschsprachigen Uraufführung auf polnischen Bühnen gezeigt.

Aus der enthusiastischen Aufnahme in Polen - die wohl die Rezeption in sämtlichen fremdsprachigen Ländern im Westen in den Schatten stellt - führte auch zu regen Kontakten mit polnischen Künstlern und Regisseuren. Es war gewiss kein Zufall, dass es nach der Auflösung der engen Kontakte mit dem Zürcher Schauspielhaus, dem Scheitern der Basler Kodirektion mit Werner Düggelin und zunehmender Skepsis in Deutschland in den 1970er Jahren vor allem polnische Regisseure waren, die die deutschsprachigen Uraufführungen der neuen Dürrenmatt-Stücke inszenierten: Erwin Axer („Porträt eines Planeten", Düsseldorf 1970), Andrzej Wajda („Der Mitmacher", Zürich 1973) und Kazimierz Dejmek („Die Frist", Zürich 1977). Auch auf diese intensive Beziehung zu Polen mag es zurückzuführen sein, dass Dürrenmatt die Ausrufung des Kriegsrechts 1981 durch General Jaruzelski in Auseinandersetzung mit der Gewerkschaft Solidarnoscz zum Stoff für ein neues, sein letztes Stück nahm, „Achterloo" (1983).


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