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Architektur

Mario Bottas Architekturkonzept ist von zwei Hauptideen geprägt: Es orientiert sich zum einen an den besonderen Gegebenheiten des Ortes, zum andern am Zweck der Institution, das heisst an der Inszenierung und Präsentation von Dürrenmatts Werk. Indem Botta einen grossen geschwungenen Raum in den Hang unterhalb der Terrasse des bestehenden Wohnhauses von Dürrenmatt baute, passte er sich elegant dem Gelände an. Zugleich sind die einzelnen Architekturelemente – der Eingangsturm, die über vier Etagen absteigende, Durchblick in die Tiefe gebende Treppe und der weite Raum im „Erdbauch“ (Mario Botta) als Anklänge an Dürrenmatts literarisches Werk, an Turmbauten, höhlenartige Räume und Labyrinthe zu verstehen.

© Centre Dürrenmatt Neuchâtel – Foto : Pino Musi
© Centre Dürrenmatt Neuchâtel – Foto : Pino Musi
© Centre Dürrenmatt Neuchâtel – Foto : Pino Musi

Ein Turm und ein Bauch - Auszüge aus einem Interview mit Mario Botta

Auszüge aus einem Interview mit Mario Botta, welches der Kunsthistoriker, Kunstredaktor und Bottaspezialist Roman Hollenstein anlässlich der Eröffnung des Centre Dürrenmatt im September 2000 führte.

Roman Hollenstein: Worin besteht die Bedeutung des Zentrums (Centre Dürrenmatt)?

Mario Botta: Das Centre Dürrenmatt ist mit der aussergewöhnlichen Persönlichkeit von Friedrich Dürrenmatt, der so typisch schweizerisch und gleichzeitig unschweizerisch war, eng verbunden. Ich bin Dürrenmatt nur sporadisch begegnet. Da wir uns ausschliesslich auf Französisch unterhalten konnten, war die Verständigung nicht ganz problemlos. Bei unseren letzten Treffen hat er mir von seinem letzten Roman „Durcheinandertal" erzählt. Auf mich hat Dürrenmatt wegen seiner Fähigkeit, den schweizerischen Perfektionismus auf ebenso groteske wie ironische Weise darzustellen, stets eine grosse Anziehungskraft ausgeübt. Meiner Meinung nach war er eine der hellsichtigsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, und zwar nicht nur in Bezug auf die Schweiz.

Wie würden Sie die Architektur und das etwas rätselhafte Erscheinungsbild des Centre Dürrenmatt schildern?

Die Architektur ist ziemlich einfach. Wir haben dem alten Haus einen kleinen Turm zur Seite gestellt; dazwischen liegt der Eingang. Durch das Glasdach des Türmchens fällt das Licht bis ins Erdgeschoss direkt in einen „Bauch", der sich zum Tal vorschiebt. Ein mit dem Türmchen bergwärts verbundener, unterirdischer Raum, und daneben das alte Haus Diese unterirdische Struktur ist in ihren Dimensionen massvoll, obschon der Bau selbst keine Kleinigkeit ist. Damit ist eine bestimmte Absicht verbunden. Steigt der Besucher vom Turm herunter, erlebt er eine Überraschung: Er findet sich in einem Raum wieder, der im Inneren des Berges steckt. Aussen haben wir das Centre - als Hommage an Dürrenmatt - mit einem dunklen Stein verkleidet, einem schwarzen Schiefer. Auf diese Weise erscheint das alte Haus daneben noch weisser. Die schwarze Fassade wird durch kleine Öffnungen aus Glasbeton unterbrochen, die in der Nacht wie Friedhoflichter leuchten. Der Grossteil des Raumes befindet sich unter der Erde, mit allen Vorteilen die eine unterirdische Architektur mit sich bringt: Wer unter der Erde ist, gehört der Erde an. Unterirdische Architektur vermittelt ein schönes Gefühl. Die Architekturkultur hat sich vor allem mit hohen, in den Himmel strebenden Bauten befasst. Die Höhlenarchitektur hingegen, eine urtümliche Architektur, löst ein überraschendes Gefühl der Geborgenheit aus.

Sie haben ein schwarzes Gestein - Schiefer aus Branzi - gewählt, in Anlehnung an die dunkle, sarkastische Seite von Dürrenmatts Werk. In der Region von Neuchâtel gibt es jedoch auch ein helles Gestein, den Jurastein. Haben Sie je daran gedacht, dem Ort, wo Dürrenmatt gelebt hat, damit Ehre zu erweisen?

Das habe ich, und wir haben auch Gesteinsproben entnommen. Der Versuch erwies sich letzten Endes als ein vorwiegend nostalgisch motiviertes Unterfangen, da das Gestein kaum zu finden war. Ein paar kleine Steinbrüche sind noch vorhanden, doch der schöne gelbe Neuenburger Stein ist nicht mehr aufzutreiben. Wir hätten wohl einen ähnlichen Stein nehmen müssen, vielleicht sogar aus Spanien. In Frage wäre auch ein anderer, grauer Stein aus lokalen Brüchen gekommen, der aber zu spröde war. Schliesslich gingen wir auf Nummer sicher und entschieden uns für schwarzen Schiefer.

Inwiefern hat Dürrenmatts Werk Ihr Projekt beeinflusst? Darf man die Architektur des Zentrums als einen Spiegel seines Werkes bezeichnen?

(..) Dies ist ein bisschen anmassend. Ich hoffe aber, dass der Vergleich in einem gewissen Sinn standhält, obschon diese Funktion nicht bewusst gesucht wurde. Man könnte vielleicht von einem analogen Feeling sprechen. Dürrenmatt war kein abgeklärter, klassischer oder heiterer Schriftsteller, sondern er hat in der Tiefe der menschlichen Seele geschürft. Deshalb gefiel mir auch die Idee, sich in die Erde hinein zu begeben. Es handelt sich jedoch nicht um eine direkte literarische Übertragung. Das Centre ist nicht dem schriftstellerischen Werk gewidmet, sondern einer ergänzenden Komponente - der Malerei. Deshalb sind wir auch auf alle möglichen Interpretationshilfen angewiesen. Die Ausstellung bietet einen direkten Bezug zu Dürrenmatts Gedankenwelt. Da ist zum Beispiel dieser Turm, durch dessen Glasdach das Licht bis auf den Grund fällt. Oder die transparente Treppe, die auf das in Dürrenmatts Denken allgegenwärtige Labyrinth verweist, oder aber die schwarze Farbe als Grundton der Lebensschilderung. Doch selbstverständlich ist nicht jedes Raumelement als Analogie zu verstehen.

Besteht eine Verbindung zu den surrealistischen Elementen in Dürrenmatts Bildern - oder in seinen Büchern? Ich denke zum Beispiel an den Turm von Babel, aber auch an die Beschreibung in der Erzählung „Das Haus" mit den Treppen, die sich im Dunkeln verlieren.

Eine direkte Verbindung gibt es nicht. Einige Analogien werden lediglich angedeutet. Ich glaube nicht, dass sich Architektur eignet, Teile einer anderen Welt darzustellen. „Wechselseitige Interferenzen" sind allerdings möglich.

Dürrenmatts Türme von Babel sind nach seinen Angaben rund einen Kilometer hoch. Im Vergleich dazu ist der Turm des Centre Dürrenmatt winzig. (..)

(...) Ich gebe zu, dass ich den Turm ganz gern so hoch wie einen Kirchturm gebaut hätte, als ein markantes Zeichen. Doch vielleicht hätte ich mir hier zu viel Freiheit erlaubt. Der Bau ist die Metapher eines Turmes und nicht wirklich ein Turm. Ein direkter Bezug zu Dürrenmatts Turm von Babel besteht nicht. Er ist als Raum gedacht, der das Licht nach unten trägt und mit dem bestehenden Haus in einen Dialog oder in einen Kontrast tritt. Auf einigen meiner Skizzen ist dieser Turm sehr hoch ausgefallen, was mir gut gefallen würde. Doch Architektur ist auch die Kunst des Möglichen.

Abgesehen vom Türmchen mit seiner metaphorischen Bedeutung gibt es eine Terrasse mit Blick auf den See - mit anderen Worten ein Fenster in die Unendlichkeit.

Die Terrasse ist ein wichtiges Element, denn der Besucher hat vom Turm nicht viel: Er betritt ihn und steigt dann herab. Den Raum im Erdbauch nimmt man erst ganz unten wahr. Die Terrasse hingegen verbindet die Landschaft mit dem Turm und dem alten Haus. Sie stellt eine Art Bühne dar, die einen metaphysischen Reiz hat, da sie leer ist. Der Besucher wird zum Darsteller. Ich hätte gern einen Rahmen für eine Emotion geschaffen, die ein Platz in der Stadt nicht zu bieten hat. Diese Terrasse ist ein Platz über dem See, ein öffentlicher Raum. Alles andere ist nicht öffentlich. Zudem hat die Terrasse in Form eines Balkons vor dem alten Haus im Ansatz bereits existiert. Dieser Balkon mit Blick auf den See, der die Verbindung zur Landschaft herstellt, hat mir immer gut gefallen.

Die Idee der Szene verbindet diesen etwas irrealen Anblick mit Dürrenmatts Welt. Der Besucher steigt im Turm ein Stockwerk nach unten und betritt im Zwischengeschoss die Terrasse.

Genau. Die Terrasse ist ein Zeichen, das die Idee der Begrenzung beinhaltet: ein Grenzelement, das auf das Grenzenlose hinweist. Darin liegt auch die Stärke der Architektur. Sie benutzt konkrete Bauteile, um etwas anderes darzustellen. Die Leere des Tales, den See und die Stadt spüre ich auch dann, wenn ich im Innern dieses Raumes bin. Die Mauer ist wie ein Damm: Sie grenzt die innere Energie von der Aussenwelt ab. Diese Mauer, die eine Grenze zieht, macht den Kern des Projektes aus.

Hollenstein, Roman: Ein Turm und ein Bauch. Interview mit Mario Botta, in: Mario Botta. Centre Dürrenmatt Neuchâtel, hrsg. von Peter Edwin Erismann, Basel, Boston, Berlin 2000, S. 78-99.


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